Der Krieg im Nahen Osten treibt die europäischen Gaspreise auf den höchsten Stand seit der Energiekrise 2022. Über das sogenannte Merit-Order-Prinzip am Strommarkt schlägt sich der Gaspreisanstieg auch auf die Strompreise für deutsche Verbraucher durch. Eine Einordnung.

Kurz eingeordnet

  • Der europäische Gaspreis (TTF) ist seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar zeitweise um mehr als 100 Prozent gestiegen und lag zwischenzeitlich bei über 70 Euro je Megawattstunde.
  • Auslöser sind die iranische Blockade der Straße von Hormus und die Angriffe auf LNG-Infrastruktur in Katar, die rund ein Fünftel des globalen LNG-Handels betreffen.
  • Das Merit-Order-Prinzip sorgt dafür, dass steigende Gaspreise den Börsenstrompreis für alle Erzeuger anheben, auch für Wind- und Solarstrom.
  • Die Neukundentarife für Strom sind seit Kriegsbeginn bereits von rund 24,9 auf 27,6 Cent pro Kilowattstunde gestiegen.

Gaspreise unter Druck: Was im Nahen Osten passiert ist

Ende Februar 2026 begannen die USA und Israel einen militärischen Einsatz gegen den Iran. Die unmittelbaren Folgen für die globalen Energiemärkte waren drastisch: Der Iran sperrte die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Energierouten der Welt, über die normalerweise rund 19 Prozent des globalen LNG-Handels abgewickelt werden. Am 1. März trafen iranische Drohnen zudem LNG-Anlagen in Katar, woraufhin QatarEnergy die gesamte Flüssigerdgas-Produktion vorübergehend einstellte.

Die Reaktion an den europäischen Energiebörsen folgte sofort. Der niederländische TTF-Kontrakt, der als Referenzpreis für europäisches Erdgas gilt, stieg innerhalb weniger Tage von rund 32 Euro auf über 55 Euro je Megawattstunde. Im weiteren Verlauf des Konflikts kletterte der Preis zeitweise sogar auf über 70 Euro je Megawattstunde. Das entspricht einem Anstieg von mehr als 100 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Monate Januar und Februar 2026, als der TTF noch bei rund 36 Euro lag.

Die Situation wird durch die ohnehin angespannte Versorgungslage in Europa verschärft. Die Gasspeicher in Deutschland waren Ende Februar nur noch zu 21,6 Prozent gefüllt und lagen damit deutlich unter dem Vorjahresniveau. Gleichzeitig beginnt ein globaler Wettbewerb um verfügbare LNG-Mengen: Asiatische Käufer bieten höhere Preise, erste Tanker wurden bereits von Europa nach Asien umgeleitet.

Merit-Order-Prinzip: Warum Gaspreise die Strompreise bestimmen

Um zu verstehen, warum steigende Gaspreise auch den Strom in Deutschland teurer machen, muss man das sogenannte Merit-Order-Prinzip kennen. Nach diesem Verfahren werden an der europäischen Strombörse die Preise gebildet.

Das Prinzip funktioniert wie folgt: Kraftwerke werden nach ihren Erzeugungskosten (Grenzkosten) in eine Reihenfolge gebracht. Zuerst kommen die günstigsten Erzeuger zum Einsatz, das sind in der Regel Windkraft-, Solar- und Wasserkraftanlagen, deren Grenzkosten nahe null liegen. Danach folgen Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke. Am Ende der Reihe stehen die Gaskraftwerke, deren Produktionskosten direkt vom Gaspreis abhängen.

Entscheidend ist: Der Strompreis an der Börse wird durch das teuerste Kraftwerk bestimmt, das noch benötigt wird, um die gesamte Nachfrage zu decken. Dieses Kraftwerk nennt man Grenzkraftwerk. In Zeiten, in denen Wind und Sonne nicht genug Strom liefern, müssen Gaskraftwerke diese Lücke schließen. Sie setzen dann den Preis für alle eingesetzten Kraftwerke. Auch der Strom aus erneuerbaren Quellen wird in diesen Stunden zum höheren Marktpreis gehandelt.

Im Jahr 2025 produzierten Erdgaskraftwerke in Deutschland netto 52,4 Terawattstunden für die öffentliche Stromversorgung und weitere 26,1 Terawattstunden für den industriellen Eigenverbrauch. Das entspricht zusammen knapp 18 Prozent der gesamten Stromerzeugung. Der Gasverbrauch zur Stromerzeugung lag damit sogar über dem Vorjahresniveau, wie Daten des Fraunhofer-Instituts zeigen. Gaskraftwerke spielen also weiterhin eine zentrale Rolle bei der Stromversorgung, insbesondere als Backup bei schwacher Einspeisung aus erneuerbaren Energien.

Was das für Stromkunden in Deutschland bedeutet

Die gestiegenen Großhandelspreise wirken sich bereits auf den deutschen Strommarkt aus. Der Großhandelspreis für Strom stieg zeitweise auf 140 Euro je Megawattstunde, rund 36 Prozent über dem Mittelwert von Januar und Februar 2026. An einzelnen Tagen mit geringer Windstromproduktion kletterten die Spotmarktpreise sogar auf 43 Cent je Kilowattstunde, sodass Kunden mit dynamischen Tarifen vorübergehend über 70 Cent je Kilowattstunde zahlen mussten.

Bei den Neukundentarifen, die für die Mehrzahl der wechselwilligen Verbraucher relevant sind, zeigt sich der Anstieg ebenfalls deutlich, wenn auch weniger drastisch. Vor Beginn des Konflikts lagen die Neukundenpreise im bundesweiten Durchschnitt bei rund 24,9 Cent pro Kilowattstunde. Aktuell liegen sie bei 27,6 Cent pro Kilowattstunde (Stand: 20. März 2026). Zum Vergleich: Noch Anfang 2026 konnten Neukunden Strom für unter 23 Cent abschließen, den niedrigsten Stand seit über einem Jahr.

Bestandskunden mit laufenden Verträgen und Preisgarantien spüren die Entwicklung bislang weniger direkt. Wie die Bundesnetzagentur betont, schlagen kurzfristige Preisspitzen an den Großhandelsmärkten nicht unmittelbar auf die Endkundenpreise durch. Allerdings gilt: Je länger die geopolitische Krise andauert, desto stärker dürften sich die höheren Beschaffungskosten auch in den regulären Tarifen widerspiegeln.

Ausblick

Wie sich die Strompreise in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln, hängt maßgeblich vom weiteren Verlauf des Nahost-Konflikts ab. Sollte die Straße von Hormus längerfristig blockiert bleiben und die Schäden an der katarischen LNG-Infrastruktur sich als gravierend erweisen, rechnen Analysten mit anhaltend hohen Gaspreisen. Das dänische Investmenthaus Global Risk Management erwartet für den Rest des Jahres 2026 sowohl in Europa als auch in Asien erhöhte Preisniveaus.

Gleichzeitig gibt es Faktoren, die eine gewisse Entlastung bringen könnten. Mit den länger werdenden Tagen nimmt die Solar- und Windstromproduktion in Deutschland saisonbedingt zu, was den Bedarf an teuren Gaskraftwerken reduziert. Die Terminmärkte für Strom preisen für April und Mai bereits niedrigere Werte ein als am aktuellen Spotmarkt. Die EU prüft zudem Maßnahmen wie Gaspreis-Subventionen oder einen Preisdeckel, um Verbraucher zu entlasten.

Eine zentrale offene Frage bleibt die Wiederbefüllung der europäischen Gasspeicher vor dem nächsten Winter. Bei dem aktuellen Preisniveau und der Konkurrenz mit asiatischen Käufern um verfügbare LNG-Mengen könnte dies deutlich teurer und schwieriger werden als in den Vorjahren.