Das Merit-Order Prinzip bestimmt, in welcher Reihenfolge Kraftwerke Strom an der Börse einspeisen und wie sich daraus der Preis bildet. Dieser Ratgeber erklärt die Funktionsweise, zeigt die Rolle der Gaskraftwerke und ordnet ein, welche Vor- und Nachteile das System für Sie als Verbraucher mit sich bringt.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Merit-Order Prinzip ordnet Kraftwerke nach steigenden Grenzkosten und bestimmt so die Einsatzreihenfolge an der Strombörse.
- Das teuerste noch benötigte Kraftwerk – meist ein Gaskraftwerk – setzt über das Einheitspreisverfahren den Preis für alle Erzeuger.
- Erneuerbare Energien haben Grenzkosten nahe null und drücken den Börsenpreis, sobald viel Wind- und Solarstrom einspeist (Merit-Order-Effekt).
- Im Jahr 2025 lag der durchschnittliche Day-Ahead-Preis bei 89,32 €/MWh; in 573 von 8.760 Stunden war er sogar negativ.
- Die EU-Strommarktreform vom Mai 2024 behält das Merit-Order Prinzip bei, ergänzt es aber um verpflichtende Differenzverträge.
Wie funktioniert das Merit-Order Prinzip?
Das Merit-Order Prinzip beschreibt die Einsatzreihenfolge von Kraftwerken an der europäischen Strombörse. Grundlage ist ein einfaches ökonomisches Konzept: Alle verfügbaren Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten sortiert – also nach den Kosten, die für die Produktion einer zusätzlichen Kilowattstunde anfallen. Kraftwerke mit den niedrigsten Grenzkosten speisen zuerst ein, teurere Anlagen kommen erst hinzu, wenn die Nachfrage steigt.
Die Reihenfolge beginnt typischerweise mit Wind- und Solaranlagen, gefolgt von Laufwasserkraft, Kernkraft aus den Nachbarländern sowie Braun- und Steinkohle. Am oberen Ende stehen in der Regel Gaskraftwerke. Das Kraftwerk, das als letztes zur Deckung der Nachfrage benötigt wird, ist das Grenzkraftwerk und bestimmt den Börsenpreis für alle eingesetzten Kraftwerke. Über das sogenannte Einheitspreisverfahren erhalten alle günstiger produzierenden Anlagen denselben Preis ausgezahlt – auch wenn ihre eigenen Produktionskosten deutlich darunter liegen.
Etabliert hat sich das Verfahren mit der Liberalisierung der europäischen Energiemärkte in den 1990er Jahren. Gehandelt wird Strom in Deutschland vor allem am Day-Ahead-Markt der Strombörse EPEX SPOT. Wichtig zu wissen: Das Merit-Order Prinzip ist kein Gesetz, sondern ein Marktergebnis aus dem Wettbewerb der Kraftwerksbetreiber. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags ordnet es als ökonomisches Modell ein, nicht als regulatorische Vorgabe. Die Bundesnetzagentur überwacht den Markt, legt aber keine Einsatzreihenfolge fest.
Warum haben Kraftwerke unterschiedliche Grenzkosten?
Grenzkosten sind die variablen Kosten, die jede zusätzliche Kilowattstunde Strom verursacht. Sie setzen sich vor allem aus Brennstoffkosten, Kosten für CO₂-Zertifikate und anteiligen Verschleißkosten der Anlage zusammen. Fixkosten wie Bau, Personal oder Rückbau spielen in der Merit-Order keine Rolle – sie müssen langfristig über den Marktpreis verdient werden.
Erneuerbare Energien haben nahezu keine Grenzkosten, da Wind, Sonne und Wasser kostenlos zur Verfügung stehen. Fossile Kraftwerke sind deutlich teurer in der Produktion, weil sie Brennstoffe einkaufen und Emissionsrechte erwerben müssen. Gaskraftwerke weisen dabei die höchsten Grenzkosten auf: Erdgas ist pro erzeugter Kilowattstunde teurer als Kohle, und durch den CO₂-Preis kommen zusätzliche Kosten hinzu. Die folgende Übersicht zeigt die typische Reihung der Kraftwerkstypen nach ihren Grenzkosten.
| Kraftwerkstyp | Grenzkosten (Richtwert) | Hauptkostentreiber |
|---|---|---|
| Wind- und Solaranlagen | nahe 0 €/MWh | keine Brennstoffkosten |
| Laufwasserkraft | sehr niedrig | geringe Betriebskosten |
| Kernkraft | niedrig | Brennelemente, Betrieb |
| Braunkohle | mittel | CO₂-Zertifikate, Kohle |
| Steinkohle | mittel bis hoch | CO₂-Zertifikate, importierte Kohle |
| Gaskraftwerk | hoch | Erdgaspreis, CO₂-Zertifikate |
Die tatsächlichen Werte schwanken stark mit den Gas- und CO₂-Preisen. Das ist der Hauptgrund, warum der Börsenstrompreis in Deutschland eng an den Gaspreis gekoppelt ist – selbst wenn der Großteil des Stroms aus günstigeren Quellen stammt. Steigt der Preis für Emissionsrechte im europäischen Handelssystem EU-ETS, verteuert sich zusätzlich Strom aus Kohle und Gas.
Welche Rolle spielen Gaskraftwerke im Merit-Order Prinzip?
Gaskraftwerke sind in der Regel die teuerste Erzeugungsform und werden nur dann zugeschaltet, wenn günstigere Anlagen die Nachfrage nicht mehr decken können. Typische Zeiten sind Winterabende mit geringer Wind- und Solareinspeisung, sogenannte Dunkelflauten sowie industrielle Lastspitzen am frühen Abend. Weil Gaskraftwerke sich flexibel und schnell hochfahren lassen, eignen sie sich besonders als Reserve- und Spitzenlastkraftwerke.
Genau diese Rolle macht sie für die Preisbildung so einflussreich. Sobald ein Gaskraftwerk einspringt, wird es häufig zum Grenzkraftwerk und setzt damit den Börsenpreis für alle Erzeuger. Der Strompreis koppelt sich in diesen Stunden direkt an den Gaspreis – ein Effekt, der in der Energiekrise 2022 besonders deutlich wurde. Nach Daten der Bundesnetzagentur zum Strommarkt 2025 lag der durchschnittliche Day-Ahead-Preis bei 89,32 €/MWh, knapp 14 Prozent über dem Vorjahreswert.
Rechenbeispiel: So setzt das Gaskraftwerk den Preis
An einem windschwachen Winterabend beträgt die Stromnachfrage in einem Marktgebiet 60 GW. Wind- und Solarstrom decken 5 GW, Kernkraft aus dem europäischen Verbund 8 GW, Kohlekraftwerke 25 GW. Für die restlichen 22 GW springt ein Gaskraftwerk mit Grenzkosten von 120 €/MWh ein. Dieses Gaskraftwerk wird zum Grenzkraftwerk – und alle eingesetzten Erzeuger, auch Windpark und Kohlekraftwerk, erhalten 120 €/MWh pro eingespeister MWh.
Solange hocheffiziente neue Gaskraftwerke fehlen, setzen ältere Anlagen mit schlechteren Wirkungsgraden den Preis. Das erhöht die Preisvolatilität und verstärkt die Abhängigkeit des Strommarkts vom Gaspreis zusätzlich.
Welche Vor- und Nachteile hat das Merit-Order Prinzip für Verbraucher?
Das Prinzip hat klare Vorteile. Es sorgt dafür, dass immer die günstigsten verfügbaren Kraftwerke zuerst einspeisen, und schafft starke Anreize, in Anlagen mit niedrigen Grenzkosten zu investieren. Vom sogenannten Merit-Order-Effekt profitieren Betreiber erneuerbarer Energien, weil sie den einheitlichen Börsenpreis erhalten, obwohl ihre Grenzkosten nahe null liegen. Dieser Effekt gilt als wichtiger Motor für den Ausbau von Wind- und Solarenergie.
Gleichzeitig hat das System erkennbare Schwächen. Der größte Kritikpunkt ist die enge Kopplung des Strompreises an den Gaspreis: Selbst wenn nur ein kleiner Teil des Stroms aus Gas stammt, bestimmt dessen Grenzkostenniveau den Preis für alle Erzeuger. In Krisenzeiten führt das zu extremen Preisspitzen, wie 2022 und 2023 deutlich wurde. Die EU hat darauf mit der Strommarktreform vom Mai 2024 reagiert, die unter anderem zweiseitige Differenzverträge verpflichtend macht, um Strompreise stärker von fossilen Brennstoffpreisen zu entkoppeln.
Tipp: Verbraucher können den Schwankungen am Großhandelsmarkt auf zwei Wegen begegnen: Tarife mit längerer Preisgarantie schützen vor Preisspitzen, während dynamische Tarife gezielt günstige Börsenstunden mit hoher Wind- und Solareinspeisung nutzbar machen.
Letztlich entscheidet der Stromtarif, ob sinkende Börsenpreise tatsächlich beim Verbraucher ankommen. Ein regelmäßiger Tarifvergleich bleibt daher der wichtigste Hebel, um vom Merit-Order Prinzip zu profitieren.
Fazit
Für Verbraucher bleibt das Merit-Order Prinzip indirekt spürbar: Sinken die Gaspreise und steigt der Anteil erneuerbarer Energien, sinken auch die Großhandelspreise tendenziell. In der Praxis zeigt sich aber, dass günstige Börsenpreise nur dann ankommen, wenn der eigene Stromanbieter sie weitergibt. Wir empfehlen daher einen jährlichen Tarifvergleich als wichtigsten Hebel.
Häufige Fragen zum Merit-Order Prinzip
Was bedeutet das Merit-Order Prinzip einfach erklärt?
Das Merit-Order Prinzip ordnet Kraftwerke nach steigenden Grenzkosten; das teuerste noch benötigte Kraftwerk bestimmt an der Strombörse den einheitlichen Preis für alle Erzeuger.
Warum sind Gaskraftwerke im Merit-Order meist die teuersten?
Gaskraftwerke haben hohe Brennstoff- und CO₂-Kosten pro Kilowattstunde und stehen deshalb am oberen Ende der Merit-Order, wo sie häufig als Grenzkraftwerk den Börsenpreis setzen.
Wann werden Gaskraftwerke zugeschaltet?
Gaskraftwerke kommen vor allem bei hoher Nachfrage, in Dunkelflauten und an Winterabenden zum Einsatz, wenn Wind- und Solarstrom die Nachfrage nicht ausreichend decken.
Fördert das Merit-Order Prinzip den Ausbau erneuerbarer Energien?
Ja, durch den Merit-Order-Effekt erzielen Wind- und Solaranlagen den Börsenpreis trotz Grenzkosten nahe null, was hohe Deckungsbeiträge und einen starken Investitionsanreiz schafft.
Wird das Merit-Order Prinzip abgeschafft?
Nein, die EU-Strommarktreform vom Mai 2024 behält das Prinzip bei, ergänzt es aber um Differenzverträge und Maßnahmen zur stärkeren Entkopplung von Strom- und Gaspreisen.