Die Internationale Energieagentur warnt vor einer Kerosin Knappheit in mehreren europäischen Ländern, der Iran-Krieg treibt die Preise, und die Bundesregierung streitet über die richtige Reaktion. Was den Flugzeug-Treibstoff auszeichnet, woher er kommt und was ein Engpass für Reisende bedeuten würde.
Kurz eingeordnet
- Die IEA warnt, mehreren europäischen Ländern könne in den kommenden Wochen eine beginnende Kerosin Knappheit bevorstehen.
- Der Iran-Krieg und die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus haben die Kerosinpreise seit Kriegsbeginn laut Luftverkehrsverband mehr als verdoppelt.
- Der deutsche Erdölbevorratungsverband hält eine strategische Reserve von rund 1,1 Millionen Tonnen Kerosin vor.
- Bundeswirtschaftsministerin Reiche und Bundesfinanzminister Klingbeil bewerten die Versorgungslage öffentlich unterschiedlich.
Was Kerosin ist und wie es sich von Benzin und Diesel unterscheidet
Kerosin ist ein Mitteldestillat aus der Rohölverarbeitung. Es entsteht in der Raffinerie, wenn Erdöl in einer Destillationskolonne in Fraktionen mit unterschiedlichen Siedepunkten aufgetrennt wird. Der Siedebereich von Kerosin liegt etwa zwischen 150 und 250 Grad Celsius. Damit ordnet sich der Flugtreibstoff zwischen dem leichteren Benzin und dem schwereren Diesel ein.
Der Unterschied zu den bekannten Autokraftstoffen ist chemisch begründet. Benzin besteht aus kurzkettigen Kohlenwasserstoffen, siedet früher und verdampft leicht. Es ist auf Ottomotoren mit Zündkerzen ausgelegt. Diesel enthält längere Molekülketten, ist dichter und wird in Selbstzündern verbrannt. Kerosin liegt dazwischen und ist speziell für die Anforderungen von Flugzeugtriebwerken optimiert.
Im zivilen Luftverkehr kommt überwiegend die international standardisierte Sorte Jet A-1 zum Einsatz. Sie muss auch bei sehr niedrigen Temperaturen in großer Höhe fließfähig bleiben, der Gefrierpunkt liegt daher unter minus 47 Grad Celsius. Dieses spezifische Anforderungsprofil macht Kerosin weniger austauschbar, als es auf den ersten Blick wirkt. Benzin oder Diesel lassen sich nicht einfach in ein Verkehrsflugzeug tanken.
Woher das Kerosin in Deutschland stammt
Deutschland deckt seinen Kerosinbedarf aus einer Kombination von heimischer Raffinerieproduktion und Importen. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums stellen deutsche Raffinerien einen Teil des benötigten Flugtreibstoffs selbst her. Ministerin Katherina Reiche hob hervor, das Land sei dadurch besser aufgestellt als manche EU-Nachbarn, die stärker von Einfuhren abhängen.
Ein erheblicher Anteil der Importe stammt laut Bundesregierung aus dem Nahen Osten. Dort befinden sich große Raffineriekapazitäten, deren Produkte über den Seeweg nach Europa gelangen. Eine zentrale Meerenge für diesen Verkehr ist die Straße von Hormus am Ausgang des Persischen Golfs. Zusätzlich spielt der sogenannte ARA-Raum mit den Häfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen eine tragende Rolle für die europäische Versorgung, auch für Deutschland.
Neben der laufenden Belieferung gibt es eine strategische Reserve. Der Erdölbevorratungsverband hält nach Angaben des Ministeriums derzeit knapp 1,1 Millionen Tonnen Kerosin vor. 50.000 Tonnen Jet-Treibstoff wurden bereits im Zuge einer internationalen Freigabe der IEA zur Verfügung gestellt.
Warum die Kerosin Knappheit droht und was sie für Flugreisende bedeuten könnte
Hintergrund der aktuellen Debatte um eine Kerosin Knappheit ist der Iran-Krieg. IEA-Chef Fatih Birol warnte in der vergangenen Woche, mehrere europäische Länder könnten in den kommenden sechs Wochen mit einer beginnenden Kerosin Knappheit konfrontiert sein. Nach Angaben des Luftverkehrsverbands BDL haben sich die Kerosinpreise seit Beginn des Konflikts mehr als verdoppelt, Förder- und Verarbeitungsanlagen in der Region wurden teilweise beschädigt.
Für Verbraucher können sich aus einer Kerosin Knappheit mehrere Folgen ergeben. Eine anhaltend hohe Treibstoffrechnung schlägt sich erfahrungsgemäß in den Ticketpreisen nieder, besonders im Sommergeschäft. BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang warnte vor Einschnitten im Flugangebot, sollte sich die Nachschubsituation zuspitzen. Die Luftfrachtbranche fordert bereits eine bevorzugte Belieferung, um Lieferketten abzusichern. Vacad-Vorsitzender Claus Wagner verwies auf Italien, wo bereits eine Kerosin-Zuteilung praktiziert werde.
Innerhalb der Bundesregierung bewerten die Koalitionspartner die Lage unterschiedlich. Finanzminister Lars Klingbeil betonte, die Warnungen seien ernst zu nehmen. Wirtschaftsministerin Reiche mahnte zur Gelassenheit und hält die Versorgungssicherheit für gewährleistet. Bundeskanzler Friedrich Merz rief Reiche nach dem öffentlichen Schlagabtausch zur Zurückhaltung auf. Bei einem von Wirtschafts- und Verkehrsministerium einberufenen Kerosin-Gipfel kamen Versorger, Flughäfen, Airlines und Verbände zusammen.
„Alarmismus bei Kerosin hilft nicht.“
So faste Reiche ihre Position gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zusammen
Ausblick
Wie stark sich die Kerosin Knappheit zuspitzt, hängt entscheidend vom weiteren Verlauf des Iran-Kriegs und von der Stabilität der Lieferwege ab. Die EU-Kommission erarbeitet nach Regierungsangaben einen Plan, um die Versorgung aller Flughäfen in der Europäischen Union im Blick zu behalten. In Berlin steht die Frage im Raum, ob und wann auf die nationale Reserve zurückgegriffen werden muss um einer Kerosin Knappheit entgegenzuwirken. Der Luftverkehrsverband BDL erwartet selbst bei einem zügigen Kriegsende nur eine langsame Entspannung der Versorgungslage. Ob Flugreisende im Sommer höhere Ticketpreise oder Streichungen erleben, hängt damit weniger von einer einzelnen politischen Entscheidung ab als vom weiteren Kriegsverlauf.