Der Iran-Krieg hat den Rückgang der Gaspreise in Deutschland jäh gestoppt. Die Blockade der Straße von Hormus und Angriffe auf LNG-Infrastruktur in Katar treiben die europäischen Großhandelspreise nach oben. Für Neukunden werden Gastarife spürbar teurer.

Kurz eingeordnet

  • Der europäische Gaspreis am TTF-Handelsplatz kletterte seit Kriegsbeginn zeitweise auf über 74 Euro pro Megawattstunde – mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt von Januar und Februar 2026.
  • Die Gaspreise für Neukunden sind laut Finanztip innerhalb von drei Wochen um gut zwölf Prozent gestiegen und liegen aktuell bei rund 10,47 Cent pro Kilowattstunde.
  • Bestandskunden mit laufenden Verträgen und Preisgarantien sind vorerst geschützt. Die volle Wucht könnte sie bei Vertragsverlängerung oder spätestens im nächsten Winter treffen.
  • Speicherbetreiber warnen: Die Wiederbefüllung der Gasspeicher für den Winter 2026/27 könnte durch die hohen Preise deutlich erschwert werden.
GAS

Durchschnittlicher Gaspreis 2026

Jahresverbrauch 20.000 kWh · Cent pro kWh · 01.01. – 18.04.2026

Ø Gaspreis (ct/kWh)

Positiver Jahresstart: Sinkende Gaspreise und weniger Abgaben

Zu Beginn des Jahres 2026 sah es für Gaskunden in Deutschland zunächst gut aus. Zum 1. Januar wurde die 2022 eingeführte Gasspeicherumlage vollständig abgeschafft – eine spürbare Entlastung, die sich direkt auf die Endkundenpreise auswirkte. Die Neukundenpreise fielen im Januar um rund vier Prozent auf 9,66 Cent pro Kilowattstunde. Der durchschnittliche Gaspreis für alle Haushalte lag laut BDEW Anfang 2026 bei rund 11,10 Cent pro Kilowattstunde, bezogen auf einen Jahresverbrauch von 20.000 kWh.

Auch die Großhandelspreise zeigten eine stabile bis leicht rückläufige Tendenz. Der europäische Leitpreis für Erdgas, der TTF-Terminkontrakt in Amsterdam, lag im Januar und Februar im Schnitt bei rund 36 Euro pro Megawattstunde. Die Gasspeicher waren nach dem milden Winter noch gut gefüllt. Der Markt hatte sich nach den extremen Preisausschlägen der Jahre 2022 und 2023 weitgehend beruhigt.

Allerdings stiegen die Netzentgelte für Gas 2026 vielerorts erneut an. Hinzu kam ein höherer CO₂-Preis, der sich 2026 in einem Korridor zwischen 55 und 65 Euro pro Tonne bewegt. Pro Kilowattstunde Erdgas ergibt sich daraus ein Aufschlag von rund 1,1 Cent. Dennoch überwogen zu Jahresbeginn die preissenkenden Faktoren.

Wie der Iran-Krieg die Gaspreise nach oben treibt

Mit dem Beginn der militärischen Eskalation zwischen den USA, Israel und dem Iran am 28. Februar 2026 änderte sich die Lage schlagartig. Die Straße von Hormus – eine Meerenge am Persischen Golf, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und LNG-Handels fließen – ist seitdem weitgehend blockiert. Hunderte Frachtschiffe sitzen auf beiden Seiten der Meerenge fest.

Verschärfend kommen Angriffe auf die LNG-Infrastruktur in der Golfregion hinzu. Iranische Drohnen trafen die Verflüssigungsanlagen in Ras Laffan und Mesaieed in Katar. Katar ist nach den USA der weltweit zweitgrößte LNG-Exporteur. Der staatliche Konzern QatarEnergy hat die Produktion vorübergehend gestoppt. Laut Branchenexperten könnte die Reparatur schwer beschädigter Anlagen drei bis fünf Jahre dauern. Insgesamt fehlen damit rund 20 Prozent des globalen LNG-Handels auf dem Markt.

Die Reaktion an den Energiemärkten war heftig. Der TTF-Gaspreis kletterte zeitweise auf über 74 Euro pro Megawattstunde – mehr als doppelt so viel wie der Durchschnitt vor dem Konflikt. Innerhalb der ersten 24 Stunden nach Kriegsbeginn schnellte der Preis um rund 50 Prozent nach oben. Auch wenn er sich zwischenzeitlich bei rund 50 Euro einpendelte, bleibt das Niveau deutlich über dem Jahresbeginn.

Was Gaskunden jetzt wissen müssen

Für Verbraucher, die aktuell einen neuen Gasvertrag abschließen, sind die Folgen bereits messbar. Laut einer Auswertung des Geldratgebers Finanztip ist der Gaspreis für Neuabschlüsse mit zwölf Monaten Preisgarantie innerhalb von drei Wochen um gut zwölf Prozent gestiegen und liegt nun bei 10,47 Cent pro Kilowattstunde (Stand: 17. März 2026). Verivox beziffert den aktuellen Neukundenpreis auf rund 10 Cent pro Kilowattstunde (Stand: 23. März 2026). Damit hat sich die Preiserholung vom Jahresbeginn nahezu vollständig umgekehrt.

Bestandskunden mit laufenden Verträgen und Preisgarantien spüren die Auswirkungen vorerst nicht. Wie der BDEW erläutert, sichern die meisten Energieversorger den Bedarf ihrer Kunden langfristig am Terminmarkt ab. Steigende Börsenpreise werden daher nicht sofort und nicht in vollem Umfang weitergegeben. Die Bundesnetzagentur bestätigte, dass sich der Konflikt derzeit nicht unmittelbar auf die Haushaltstarife auswirke.

Wie lange dieser Schutz hält, hängt von der Dauer der Krise ab. Sollten die Großhandelspreise dauerhaft auf dem aktuellen Niveau verharren, müssen Versorger ihre Beschaffungsportfolios zu den neuen, deutlich höheren Preisen auffüllen. Spätestens bei Vertragsverlängerungen oder dem Auslaufen von Preisgarantien dürfte das bei den Endkunden ankommen. Finanztip-Chef Saidi Sulilatu warnte, dass der Preisanstieg die Haushalte zeitverzögert, aber mit voller Wucht treffen könnte.

„Der neue Krieg im Nahen Osten hat die Börsenpreise für Gas ansteigen lassen. Wenn die internationalen Energiepreise hoch bleiben, drohen weitere Preiserhöhungen für Haushalte, die mit Erdgas heizen“,
Dr. Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox

Ausblick

Kurzfristig hängt die weitere Gaspreisentwicklung fast ausschließlich vom Verlauf des Nahostkonflikts ab. Analysten der ING halten einen Anstieg auf 80 bis 100 Euro pro Megawattstunde am TTF für möglich, sollten die Lieferengpässe über die Straße von Hormus länger andauern. Goldman Sachs rechnet bei einem einmonatigen Komplettausfall der Transporte mit einem TTF-Preis von 74 Euro und erwartet für April rund 55 Euro statt der zuvor prognostizierten 36 Euro.

Die EU-Gasspeicher lagen Ende Februar bei rund 46 Milliarden Kubikmetern – deutlich weniger als im Vorjahr. Die Initiative Energien Speichern (Ines), in der über 90 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten organisiert sind, warnt vor Schwierigkeiten bei der Wiederbefüllung für den Winter 2026/27, sollte das Preisniveau hoch bleiben. Die Branche fordert eine politische Debatte über neue Sicherungsmechanismen, einschließlich einer strategischen Gasreserve.

Auf EU-Ebene prüft Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Maßnahmen wie Gaspreis-Subventionen oder einen Preisdeckel. Die Bundesnetzagentur empfiehlt Verbrauchern, ihre bestehenden Verträge zu prüfen und sich gegebenenfalls durch Tarife mit langer Preisgarantie gegen weitere Anstiege abzusichern. Langfristig verweisen Energieexperten erneut auf die strukturelle Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Importen: Der Anteil fossiler Energieträger am deutschen Primärenergieverbrauch liegt laut Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen mit rund 77 Prozent nahezu unverändert auf dem Niveau von 2021.