Ein Gaspreisdeckel nach spanischem Vorbild könnte die Stromkosten in Deutschland deutlich senken. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung beziffert die mögliche Nettoentlastung für Haushalte und Unternehmen in einer aktuellen Studie auf 7,3 Milliarden Euro pro Jahr.
Kurz eingeordnet
- Die TTF-Gaspreise sind seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar 2026 von rund 30 auf zwischenzeitlich über 60 Euro pro Megawattstunde gesprungen und treiben über das Merit-Order-Prinzip auch die Strompreise.
- Das IMK schlägt eine zeitlich befristete Aktivierung des Iberischen Mechanismus vor, der einen indirekten Gaspreisdeckel für die Stromerzeugung bedeutet.
- In Brüssel hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigt, einen Gaspreisdeckel zu prüfen; die EU-Kommission hat Subventionen für Gaskraftwerke bereits beihilferechtlich freigegeben.
TTF-Gaspreis aktuell (20.05.2026 14:27): Der TTF-Gaspreis liegt heute bei 50,92 Euro pro Megawattstunde.
Warum ein Gaspreisdeckel den Strommarkt entlastet
Der Börsenstrompreis wird in Europa nach dem Merit-Order-Prinzip gebildet. Dabei kommen zunächst Kraftwerke mit den niedrigsten Grenzkosten zum Einsatz, anschließend die teureren. Den Preis setzt die letzte und damit teuerste Anlage, die zur Deckung der Nachfrage benötigt wird. In vielen Stunden des Jahres sind das Gaskraftwerke, selbst wenn der Großteil der Erzeugung aus erneuerbaren Energien stammt. Steigen die Gaspreise, springt diese Preiserhöhung daher direkt auf den Strommarkt über.
Genau diese Kopplung soll der Iberische Mechanismus durchbrechen. Spanien und Portugal hatten das Instrument 2022 in der Energiepreiskrise eingeführt. Statt der tatsächlichen Brennstoffkosten wird bei der Gebotsabgabe der Gaskraftwerke ein politisch festgelegter Referenzpreis angesetzt, in Spanien anfangs 40 Euro pro Megawattstunde. Die Differenz zwischen Marktpreis und Deckel wird den Betreibern über eine Umlage erstattet, die von den Stromnachfragern getragen wird. Da der reduzierte Grenzkostenpreis den gesamten Börsenpreis senkt, profitieren die Verbraucher von der niedrigeren Notierung bei der vollen verbrauchten Strommenge, während die Umlage nur auf die Gasverstromung anfällt.
IMK-Studie beziffert die Entlastung für Deutschland
Die Autoren des IMK-Policy-Briefs Nr. 215, Tom Bauermann, Thomas Theobald und Fynn Janßen, haben den Effekt mit einem Regressionsmodell zunächst anhand spanischer Daten validiert und anschließend auf Deutschland übertragen. Grundlage der Prognose für 2026 sind die im März beobachteten Gas-Future-Preise. Bei einem unterstellten Gaspreisdeckel von 40 Euro pro Megawattstunde fallen die Börsenstrompreise im Modell im Jahresdurchschnitt um rund 17 Euro pro Megawattstunde niedriger aus als ohne Eingriff.
Auf einen angenommenen Jahresstromverbrauch von 500 Terawattstunden hochgerechnet ergibt sich daraus eine Bruttoersparnis von etwa 8,5 Milliarden Euro für Haushalte und Unternehmen. Dem stehen Umlagekosten von rund 1,2 Milliarden Euro gegenüber, mit denen die Gaskraftwerksbetreiber für die Differenz zwischen Marktpreis und Deckel kompensiert werden müssten. Berücksichtigt sind dabei eine jährliche Gasverstromung von 60 Terawattstunden und ein durchschnittlicher Wirkungsgrad der Gas- und Dampfturbinenkraftwerke von 55 Prozent. Unterm Strich verbleibt eine Nettoentlastung von 7,3 Milliarden Euro pro Jahr.
Die Autoren betonen, dass diese Größenordnung an Annahmen geknüpft ist und stark von der tatsächlichen Entwicklung von Gaspreis, Verbrauch und Erzeugungsmix abhängt. Zugleich verweisen sie auf indirekte Vorteile: Der Gaspreisdeckel belaste den Staatshaushalt nicht, weil er über eine Umlage und nicht über Subventionen finanziert werde, dämpfe die Inflation und stütze die Kaufkraft insbesondere einkommensschwacher Haushalte, bei denen Energie einen vergleichsweise hohen Anteil an den Gesamtausgaben hat.
Debatte um den Gaspreisdeckel auf EU-Ebene
Parallel zur IMK-Analyse ist das Thema in Brüssel zurück auf der Tagesordnung. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte im März vor dem Europäischen Parlament an, mehrere Optionen zur Eindämmung der Energiepreise zu prüfen, darunter eine Deckelung des Gaspreises. Die EU-Kommission hat den Mitgliedstaaten zudem im Rahmen eines befristeten Krisenregelwerks erlaubt, Gaskraftwerke unter Auflagen zu subventionieren.
Experten weisen allerdings auf Schwächen einer reinen Preisobergrenze hin. In der spanischen Anwendung 2022 stieg die Gasverstromung im zweiten Halbjahr deutlich an, auch die Stromexporte nach Frankreich nahmen zu. Das IMK empfiehlt daher eine europaweite statt einer einzelstaatlichen Lösung, eine zeitliche Befristung sowie eine Gebühr auf Stromexporte, falls eine rein nationale Umsetzung gewählt wird. Andernfalls drohe, dass heimische Verbraucher über die Umlage den Stromverbrauch im Ausland mitfinanzieren.
Ausblick
Ob und in welcher Form ein Gaspreisdeckel auf europäischer Ebene eingeführt wird, hängt vom weiteren Verlauf des Iran-Kriegs und der Gaspreise ab. Die Future-Notierungen deuten nach Einschätzung des IMK darauf hin, dass der Gaspreis bis ins frühe Jahr 2027 oberhalb der diskutierten 40 Euro pro Megawattstunde bleiben könnte. Offen sind die Ausgestaltung auf EU-Ebene, der Umgang mit Stromexporten in Nicht-Teilnehmerstaaten sowie die Frage, ob neben Gas- auch Stein- und Braunkohlekraftwerke einbezogen werden. Beobachter rechnen damit, dass die Debatte in den kommenden Monaten an Tempo gewinnt, sollte sich die Lage an den Energiemärkten nicht entspannen.